Zwischen Sudetenland, Russland und Südtirol: Herta und Alfred „Fred“ Weinhold

Geschichten

Herta Hrasdil (1915-2004) und Alfred Weinhold (1908-1979) hatten sich in Bozen kennengelernt bereits als Kinder. Sie lebte in der Rauschertorgasse, wo ihr Vater eine Schlosserwerkstatt betrieb; er in der Museumstraße, wo sein Vater als Schneider tätig war. Beide stammten von Auswanderern aus dem Sudetenland ab. Die beiden wurden ein Paar.

Alfred bekam Schwierigkeiten, weil er ein deutsches Theaterstück in Bozen aufgeführt hatte. Als der Krieg begann, meldete Alfred sich freiwillig zur Wehrmacht und kam an die Ostfront. Herta wanderte 1939 aus, um ihrem Fred so nah wie möglich zu sein. Weil er im Sudetenland Verwandte hatte, kam sie dorthin und fand Arbeit in einem Stoffgeschäft. Einen Fronturlaub 1940 nutzen die beiden und heirateten in Jägerndorf.

Schwere Unterdrückung im Sudetenland

1942 kam ihr erster Sohn Gerd tot zur Welt. Im Februar 1945 schließlich erblickte Dieter das Licht der Welt; die Zeit war sehr hart. Das Essen war knapp, Herta hatte keine Muttermilch vor lauter Hunger. Eines der schönsten Erlebnisse war, als ihr eine Klosterfrau einen verschrumpelten Apfel für ihr Baby schenkte, den sie ihm dann füttern konnte. Die deutschsprachige Bevölkerung war im Sudetenland sehr unterdrückt. Auf die Straße ging Herta nur mit einem Mantel, auf dem sie das Erkennungszeichen für Deutsche trug, den Hut tief in die Stirn gezogen, den Blick zu Boden gesenkt.

Als der Krieg aus war, floh Herta mit Klein-Dieter nachts in einem geschlossenen Viehwaggon. Sie musste dem hungrigen Baby den Mund zuhalten, damit niemand das Weinen des Kleinkindes hört. Die Ängste waren groß, da die Frau wusste, dass diese Züge teilweise von russischen Soldaten angehalten und die Frauen vergewaltigt wurden. Sie kamen schließlich über Zwittau über die deutsche Grenze nach Nürtingen, wo sie sich für die kommenden Jahre niederließen.

1947 schließlich engagierte ihr Ehemann aus der Ferne einen Bergführer, der sie nach Südtirol schmuggeln sollte. Sie starteten in einer Nachtwanderung vom Defreggental über den Staller Sattel zum Antholzer See. Klein-Dieter saß beim Bergführer im Rucksack.

Knapp dem Tod durch Streifschuss entronnen

Alfred indes war in Russland im Kampf verletzt worden und kam auf ein Lazarettschiff. Da der Streifschuss, der ihn an der Stirn erwischt hatte, bald geheilt war und er zurück an die Front hätte müssen, überlegte er sich eine List. Er konnte seinen Bauch aufblasen wie ein Fußball. Jedes Mal, wenn der Schiffsarzt seine Runden drehte, präsentierte er seinen vermeintlichen riesigen Blähbauch. Der Arzt entschied, so konnte er unmöglich kämpfen. Irgendwann gelang Alfred dann mit einem Kumpanen, beide in Sträflingskleidung, die Flucht und so kam er auch nach Südtirol zurück.

Neubeginn in Bozen

Sie bauten sich zusammen ein neues Leben auf, Alfred als Vertreter für eine große Waschmittelfirma; Herta als Verkäuferin in einem Stoffgeschäft unter den Lauben. 1956 erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft und konnten endlich die Verwandten in Bayern besuchen. Beide waren begeisterte Sänger und Theaterspieler, Alfred spielte beispielsweise die Hauptrolle in der Operette „Die schöne Boznerin“.

Bis zu ihrem Tod erzählte Herta gern und immer wieder die Geschichten aus dem Krieg und es war ihr ein Herzensanliegen, dass ihre Geschichte einmal aufgeschrieben wird.

Foto 1: Hochzeit Herta und Alfred „Fred“ Weinhold in Jägerndorf, 1940. Quelle: privat.
Foro 2: Wieder zurück in Bozen (auf der Talferbrücke), 1947. Quelle: privat.

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