Ein Pfarrer und 2114 Trau- und Taufscheine

Geschichten

Georg Sellemond, Dableiber

Die Option ging auch in Truden nicht spurlos vorüber und führte oft zu einem zermürbenden, nervenaufreibenden Kampf innerhalb der Familien. Es entstanden Feindschaften in der Verwandtschaft und im Dorf, die lange anhielten.

1939 zählte die Gemeinde Truden 936 Einwohner, davon waren 793 deutschsprachig und 142 italienischsprachig. 715 der 793 deutschsprachigen Einwohnern stimmten fürs Auswandern, was Truden einen der höchsten Prozentsätze an Optanten in Südtirol beschert. Pfarrer Georg Sellemond sprach in einem Brief vom 23. Jänner 1940 an meine Großmutter Anna Varesko geb. Unterhauser sogar von 95 Prozent der deutschsprechenden Einwohner, die sich für Deutschland entschieden hätten.

Es sind dann auch einige kinderreiche Familien und etliche Einzelpersonen ausgewandert, insgesamt 181 Personen. Zu vermerken ist, dass diese die letzten Namensträger ihres Stammes waren und somit ihre Familiennamen in Truden „ausgestorben“ sind, wie die Carbonari, Demanega, Erler und Maringele.

Die Ahnenfolgen von 78 Optantenfamilien

Der aus Feldthurns stammende Geistliche Georg Sellemond, der zur Zeit der unseligen Option Ortspfarrer in Truden war, musste für den Ariernachweis (Ahnenpass) der deutschstämmigen Auswanderer in zeitraubender Kleinarbeit die genealogischen Daten aus den Pfarrmatrikeln heraussuchen und die geforderten Tauf- und Trauscheine ausstellen.

In sechs Schulheften hat Pfarrer Sellemond diese Daten in Stammestafeln zusammengefasst. Die Hefte tragen den Titel „Auswanderer aus Truden“. Damit wurden, in anschaulicher Weise, die Ahnenfolgen von 78 Familien erfasst, die bereit waren – wie es damals hieß – „dem Ruf des Blutes und des Führers zu folgen“ und „Heim ins Reich“ d.h. in das Deutsche Reich auszuwandern. Diese Unterlagen sind für die Ahnenforschung der Trudner bei der Erstellung der Ahnentafeln sehr wertvoll.

Pfarrer Sellemond begann am 23. Juli 1939 im „Expeditionsbuch“ mit den Eintragungen der ausgestellten Tauf- und Trauscheine der Optanten, welche er dem bischöflichen Ordinariat in Trient, dem Truden bis 1964 unterstand, melden musste. So meldete er am 5. Oktober 1939, dass ca. 1000 Scheine (Dokumente) für 65 Familien mit 266 Personen ausgestellt wurden. Am 20. Jänner 1940 wurde dem Ordinariat mitgeteilt, dass bis Neujahr 1940 für weitere 190 Personen 850 Dokumente und für andere 25 Personen, vielfach Soldaten, 220 Scheine, insgesamt also 1070 Dokumente ausgestellt worden sind. Bis zum 4. Juni 1940 wurden dann noch einmal 130 Dokumente für 5 Parteien ausgestellt.

Rekordtag mit 157 Dokumenten

Im Monat September 1939, als der zweite Weltkrieg entbrannte, wurden am meisten Bescheinigungen beantragt, der Rekordtag war der 5. September 1939, an welchem der Herr Pfarrer 157 Dokumente ausstellte, davon 102 Tauf- und Trauscheine für eine einzelne Großfamilie Insgesamt hatte Pfarrer Sellemond somit 2114 Tauf- und Trauscheine für 511 Personen bzw. 115 Familien auszustellen. Man stelle sich eine solche Riesenarbeit und nervliche Belastung des „Dableibers“ Georg Sellemond als Seelsorger der Pfarrei Truden vor.

Im genannten Expeditionsbuch sind meist auch die Ortschaften angeführt wohin die Optanten abgewandert sind, so Dornbirn, nach Garmisch-Partenkirchen, Erfurt, Götzlez, Zwettl, Mittewald, Seefeld, Graz, Kolbwitz in Kärnten, Bad Gastein, Gerlos im Zillertal, Rottenegg bei Linz, nach Forsting im Kreis Wasserburg-Oberbayern, Waldheim in Oberösterreich., Klein Reifling in der Steiermark, Schwaz, Linz, Litzen-Steiermark, Hart bei Bregenz, Karlsruhe, Seitenstätten-OÖ., Reindorf-Leibnitz, Kleinreifling-Litzen, nach Pertisau am Achensee, Jenach in Tirol, Asten bei Enns in Oberösterreich, Klapitz- in Böhmen, Vorarlberg, Nesselwängle bei Reute in Ausserfern, Elsaß, Langenegg im Bregenzerwald, nach München, nach Wien und Steyer in Oberösterreich.

Text: Hanspeter Franzelin
Foto: Im August 1997 und 1999 wurde im Auftrag von Pfarrer Johann Tasser das Pfarrarchiv geordnet. Dabei stieß man 1999 auf die sechs „Auswandererhefte“ mit den Ahnenfolgen und auf das „Expeditionsbuch“ in dem vom 7. Juni.1927 bis 11. Dezember 1947 auch die von Pfarrer Georg Sellemond ausgestellten Dokumente eingetragen sind.
Quelle: Pfarrarchiv Truden

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