Der Vater geht, die Familie kommt (lange) nicht nach

Geschichten

Georg Dignös (geb.1935), Optant

Erinnerungen an die Zeit der Option hat Georg Dignös nur indirekt. Nachdem der Vater 1940 nach München ausgewandert war, sind die drei Kinder in Südtirol auf verschiedene Familien aufgeteilt worden. Die Mutter war mit einer Tochter in Kardaun bei bekannten Bauern; die ältere Tochter in Gries beim Onkel und dessen Frau, der Tante Rosa; und er selbst war in Penon bei einem bäuerlichen Ehepaar, das keine Kinder hatte.

Aus Briefen weiß Georg Dignös, dass seine Ziehmutter, die Schwester der Stiefmutter der Mutter, ihn gerne behalten hätte und es ein Gezerre und Geheule rund um seine Person gab. „Es war tatsächlich so, dass am Schluss, als die Mutter endlich nachgezogen ist mit uns drei Kindern, hatte meine Mutter zunächst mal die Absicht, mich drin zu lassen. Weil die Tota, wie wir sie genannt haben, sich drauf eingestellt hat, mich zu behalten und dass ich dann der Hoferbe werde“, erinnert sich Dignös. Der Vater war dagegen und hat die Mutter auch brieflich bedrängt, den Sohn mitzunehmen.

Fast zwei Jahre hat er drauf gewartet, bis seine Frau mit den Kindern nachkam. „Es war auch ein Hin und Her. Die Mutter hat verschiedene Gründe gehabt, dass sie sehr gezögert hat. Erstens war sie stark mit ihrer Heimat verbunden, zweitens aber hat sie ihren Lehrerberuf sehr geliebt und wollte das nicht einfach schnell wieder aufgeben“, berichtet Dignös. Zudem war in München anfangs ja auch noch keine Wohnung da. So hat sich der Vater beruflich erst gesettelt und hat dann eine Wohnung gefunden. Von Wohnungen ist in Briefen der Eltern gelegentlich die Rede, in denen die Mutter schreibt, der Vater möge sich nur Zeit lassen mit die Wohnungen, es müsse erst einmal alles hier herinnen geregelt werden. Es war tatsächlich etwas zu regeln, nämlich war der Vater Rechtsanwalt gewesen, hatte sich mit den Falschen eingelassen und Schulden, wie Außenstände hinterlassen.

Die Mutter verdient als Lehrerin Geld und konnte damit die Kinder über Wasser halten. „Wir waren zwar woanders untergebracht, ich und meine ältere Schwester, aber dafür hat sie schon bezahlt, als Pension sozusagen“, erinnert sich Dignös. Und der Vater hat in München dann Geld verdient und konnte einiges überweisen, um die Schulden abzutragen. Die Mutter habe trotzdem immer noch nach Möglichkeiten gesucht, das Dableiben zu rechtfertigen. Im August 1942, also knapp zwei Jahre nach dem Auswandern des Vaters, ist sie dann mit den Kindern nachgekommen. Die Familie ist in München geblieben.

Foto: Georg Dignös in „Option und Erinnerung“
Quelle: „Die Erinnerung an die Südtiroler Option 1939“ von Sabine Merler (Tagung “Option und Erinnerung”, 2./3. Oktober 2014, Freie Universität Bozen)

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