Das neue Zuhause: Ein stattlicher Hof in Tschechien

Geschichten

Hermann Oberparleiter (geb. 1934), Rücksiedler

Warum seine Eltern eigentlich ausgewandert sind? Rücksiedler Hermann Oberparleiter aus Montal erklärt sich das so, dass der Faschismus in Südtirol gewütet hat und dass es geheißen hat damals, „wenn wir jetzt Dableiber wählen, dann wirst du nach Sizilien hinuntergeschickt.“ Da hätten die Leute alle Angst gehabt, und ein Teil sei eben gegangen. Unter anderem seine Eltern mit damals sechs von sieben Kindern und der Großmutter. Der jüngste Bruder ist in St. Pölten geboren. Treibender Motor der Auswanderung sei aber die Mutter gewesen, so Oberparleiter. Unter anderem weil zwei ihrer Brüder mit den italienischen Staat angeblich gewisse Differenzen hatten.

Man hat der Familie in der Tschechei-Tschechoslowakei einen Bauernhof angeboten und nach zwei Jahren in St. Pölten sind die Oberparleiters übersiedelt nach Nový Jičín [deutsch: Neu Titschein]. „Die Tschechen, die haben gemüsst vom Hof gehen, gell? Die haben den eigenen Hof haben sie müssen verlassen, dass sie nur was sie konnten mittragen und wir Südtiroler, wir sind hinausgeschickt worden, um das zu verdeutschen, das Tschechien“, erzählt Operparleiter.

Nový Jičín war eine kleine Stadt, vielleicht wie Brixen. Da hat Oberparleiter die deutsche Schule besucht, die die dortige Bevölkerung hat verlassen müssen. Man habe sich einfach an deren Stelle da hingehockt.

Von der Hungersnot habe man nichts gespürt. „Ja wir sind gewesen – wie Gott in Frankreich, nicht?. Wir haben Kühe gehabt, und Rösser und… Das war alles da, weil der Tscheche hat gemüsst gehen, nicht?“, ist sich Oberparleiter der Vertreibung bewusst.

Der Vater habe den Gauleiter noch gebeten, ob die Magd und der Knecht auf dem Hof bleiben und helfen dürfen. Denn er selbst war Weber und hatte daheim nur zwei Kühe sein Egen genannt und kaum Erfahrung was die Bauernschaft betrifft. Der Gauleiter gefordert, man solle streng mit denen sein und sie so behandeln als gäbe es zwei Kategorien von Menschen. Die Magd und der Knecht sind dann auch geblieben und haben am Tisch gemeinsam mit der Familie gegessen. Die Verständigung war schwierig, doch die einen konnten ein bisschen Deutsch, Oberparleiter ein wenig Tschechisch.

In Ehrenberg – wie Oberparleiter den Ort nennt – waren fünf-sechs Südtiroler Familien angesiedelt worden.

Die eigentlichen Besitzer sind in Wohnungen umgesiedelt worden und „haben zuschauen müssen, wie wir auf dem Hof arbeiten“, so Operparleiter. Deren Sohn mit 20-25 Jahren sei manchmal gekommen, um zu reden und nachzuschauen, was am Hof so passiert. Er habe die Neuankömmlinge nicht gehasst, doch die Alten hätten es nicht verwunden. In denen habe sich ein Hass aufgestaut und aufgebaut.

„Vielleicht sind wir froh, dass wir früh genug weg sind gekommen, vielleicht würden wir gar nicht mehr leben“, meint Operparleiter über den Weggang. Dieser wurde Anfang 1945 notwendig, als die Russen immer näher rückten. Die Oberparleiters, gut gelitten bei den Einheimischen, weil sie sie stets gut und nicht untergeordnet behandelt hatten, konnten auf die Hilfe der Bevölkerung zählen. Die Rückfahrt bis nach Hall in Tirol war abenteuerlich. Dort kam dann das jähe Erwachen und das Hausen in einem Keller in großer Not. Erst im Oktober 1945 schaffte es die Familie nach Montal zurückzukehren.

Foto: Hermann Oberparleiter in „Option und Erinnerung“
Anlage: Alfons Oberparleiter, Eine Südtiroler Familie im Sudetenland von Hermann Oberparleiter
Quelle: „Die Erinnerung an die Südtiroler Option 1939“ von Sabine Merler

(Tagung “Option und Erinnerung”, 2./3. Oktober 2014, Freie Universität Bozen)

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